
Erkenntnisse
Warum setzt sich jemand in eine Achterbahn? Warum geht jemand in eine Geisterbahn und warum fährt jemand Breakdancer? Die Antwort lautet fast immer "Aus Spaß". Warum macht das aber "Spaß" und was ist "Spaß" überhaupt?
Diesen Fragen geht der gebürtige Freiburger Dr. Sacha Szabo seit seinem Studium der Philosophie, Germanistik und Soziologie nach. Wir sehen also, was für viele selbstverständliches Vergnügen ist, ist für Sacha Szabo ein Forschungsfeld, über das er 2006 seine Doktorarbeit schrieb.Spaß scheint ein rein menschliches Bedürfnis zu sein, es ist eine kurzfristige Auszeit vom Alltag um sich zu vergnügen. Kein Tier käme auf die Idee einen Tag auf sein Tun zu verzichten und all seine Energie (und seine Vorräte) in einem rauschenden Fest zu verjubeln. Wenn wir uns also einigen, dass Spaß zur menschlichen Kultur gehört, was sind dann Vergnügungsattraktionen für seltsamen Maschinen? Menschliche Ingenieurskunst wird aufgewendet, die permanent NICHTS produziert, aber einen Effekt erzeugt: "Spaß".
Seit seiner Entdeckung der "Kirmes als Urszene", als ein Jenseits des Alltags, als (Freizeit)Paradies in dem der Mensch sich selbst erleben kann, hat Sacha Szabo dieses Feld kontinuierlich beforscht. Neben seinen Lehraufträgen an der Universität, Vorträgen, Beiträgen in Funk und Fernsehen, sind es besonders seine Bücher, die immer wieder einen Aspekt dieser Vergnügungswelten herausgreifen. Oder sind sie etwa schon mal auf die Idee gekommen einen Münzschieber psychoanalytisch zu deuten? Oder wollten mal etwas zur Kulturgeschichte des kandierten Apfels wissen? Nun das sind eben die Fragen, mit denen sich ein "Kirmesforscher" rum treibt.
Christopher Flade (Spreepark-Chronist) und Dr. Sacha Szabo (Unterhaltungswissenschaftler) lernten sich im Januar 2010 bei Szabos Vortrag "Die Kultur des Vergnügens. Der Spreepark und seine Technik als gesellschaftlicher Seismograph" im Deutschen Technikmuseum in Berlin kennen. An diesem Tag bekam Dr. Sacha Szabo den "Ehrentitel" Dr. Freizeitpark von Christopher verliehen.Szabo war beim 4-tägigen "Lunapark-Festival 2011" vom Berliner Theater "Hebbel am Ufer" zu Gast im Spreepark und führte die interessierten Besucher mehrmals täglich unter dem wissenschaftlichen Blickpunkt durch den verlassenen Freizeitpark.
Flade und Szabo schrieben 2011 gemeinsam an einem Buch über den Spreepark, welches im Herbst 2011 erscheinen soll.
Ab sofort wird uns Dr. Freizeitpark in unregelmäßigen Abständen seine Erkenntnisse an dieser Stelle mitteilen.
Erkenntnisse
Erkenntnis Nr. 1: Faszination Achterbahn - Was steckt dahinter?
Wenn Sie das Thema so spannend finden, fahren Sie denn auch selbst Achterbahnen?
Auch wenn es den Anspruch wissenschaftlicher Objektivität verletzt, ja ich habe wirklich Genuss an einer Achterbahnfahrt. Achterbahnen werden baurechtlich als fliegende Bauten definiert. Und wo haben wir sonnst die Möglichkeit Architektur körperlich zu erleben. Und so genieße ich jeden First-Hill, jeden Corkscrew, jeden Looping. Die gelungene Kombination der verschiedenen Elemente zeichnet eine gute Achterbahn aus, Spannung und Entspannung müssen sich gut komponiert abwechseln.Auf der körperlichen Ebene zeigt sich dies durch den Wechseln von positiven und negativen G-Kräften. Manchmal scheint es uns aus den Sitzen zu katapultieren und dann drückt es uns wieder fest in die Chaise. Diese direkte Bezugnahme auf den Körper ist auch eines der Bedürfnisse, die eine Achterbahn erfüllt. Der Mensch der postindustriellen Gesellschaft hat, nach der Freisetzung aus anstrengender körperlicher Arbeit, ein attestierbares Bedürfnis nach der Aufwertung des Körpers, also einem unmittelbaren Körpererlebnis.
Warum fahren Menschen mit einer Achterbahn?
Achterbahnen werden im angelsächsischen auch als Thrillrides oder Scream-Machines bezeichnet. Dabei gibt uns der Begriff des Thrill einen wertvollen Hinweis. In der Psychologie wird dieser Begriff als „Angstlust“ übersetzt. Dabei gibt es zwei Erscheinungsformen der Angstlust. Die Angstsucher und die Angstmeider. Beide finden wir auch bei der Achterbahnfahrt wieder, diejenigen die sich festklammern und die Augen schließen und die Besucher, die die Arme hochreißen und laut Jauchzen.
Beide Typen haben aber das gleich Ziel, nämlich eine Einheit mit Ihrer Umwelt herzustellen. In der Psychologie wird diese Umwelt mit der Mutter gleichgesetzt, wobei auch dies nur eine Metapher ist. Der Mensch leidet unter der Kränkung des Wissens um seine Verletzlichkeit und Sterblichkeit und trachtet danach dieses Wissen – zumindest kurzfristig – zu vergessen. Und aus diesem Grunde sucht er auch ekstatische Situationen – wie einen Thrillride auf – die ihn sowohl die Alltags- wie auch die existentiellen Sorgen vergessen lassen.
Kann Thrillseeking süchtig machen? Das hört man ja gelegentlich?
Im pharmakologischen Sinne nicht. Die Stresssituation, die eine Achterbahn auch ist, löst bestimmte neuroendokrynologische Prozesse aus. Man spricht hier gerne von Glückshormonen.
Viel interessanter ist aber die Frage warum Menschen dieses Glücksgefühl aufsuchen. Der Begriff der Sucht wird gelegentlich in der Psychologie von „Suche“ hergeleitet. Und das was man sucht ist die Einheit mit seiner Umwelt. Eine Unmittelbarkeit des Lebenserleben. Und diese Unmittelbarkeit wird als geglückter Moment empfunden.
Metaphorisch spricht man ja auch von der „Achterbahn der Gefühle“ …
Der Begriff der Achterbahn der Gefühle wurde ja von Thomas Bock als Titel eines Buches zu Depressionen gewählt. Vielleicht ist der Titel eines Songs von Ronan Keating sogar treffender „Life is a Rollercoaster“.
Und wenn wir etwa einmal die neue Achterbahn im Europapark „Blue Fire“ symbolisch deuten. So beginnt die Fahrt mit einem Katapultstart aus einem dunklen Tunnel, man steigt steil den ersten Hügel hinauf, fährt verschiedene Kurven, es geht auf und ab und am Schluss läuft die Fahrt sanft aus. Kann man die verschiedenen Lebensphasen, wie Geburt, Jugend, bis hin zum Tod architektonisch besser darstellen? Und wenn wir davon sprechen, dass die Achterbahnfahrt Merkmale eines Rituals zeigt, dann ist das Thema dieses Rituals das wortwörtliche Erfahren eines Lebensweges.
(Interview vom 27.07.09)
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